Das Bielefeld der Hochschulpolitik: den Bologna-Prozess gibt es gar nicht!

by Nick Jaussi, flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

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Die Bologna-Erklärung der europäischen Bildungs- und Wissenschaftsminister von 1999 und ihre Folgeerklärungen zielten auf eine Flexibilisierung der Studienstrukturen, auf eine größere Mobilität der Studierenden, auf die dafür notwendigen, vergleichbaren Anrechnungssystemen von Studien und Prüfungsleistungen und auf eine stärkere Einbeziehung der Studierenden in die Gestaltung der europäischen Hochschulen. Die Erklärung von Leuven (2009) forderte außerdem eine Beteiligung der Studierenden an der demokratischen Zivilgesellschaft.

Diese Ziele sind lobens- und unterstützenswert, unmittelbare rechtliche Konsequenzen ergeben sich aus ihnen jedoch keine, denn Bildungs- und Wissenschaftswesen liegen im Zuständigkeitsbereich der Länder, und erreicht wurden sie auch nicht. Von Leistungspunkten, Modulkatalogen usw. war ursprünglich keine Rede. Mittlerweile jedoch hat sich der so genannte Bologna-Prozess zu einem vermeintlich unumkehrbaren selbstreferenziellen Teufelskreis entwickelt und erscheint Ministerien, wie Universitäten, Fakultäten und Fachbereichen gemeißeltes Gesetz. Die Verknüpfung von arbeitswerttheoretisch hergeleiteten ECTS mit starren Modulstrukturen (ein scheinbar notwendiger Schutz für die Studierenden vor Anrechnungswillkür und zugunsten von transparenten Studiengangsstrukturen) und angebundenen Prüfungsleistungen hat jedoch ein gegenteiliges Ergebnis gebracht: Die Ordnungen, Modulkataloge und Regeln sind so umfang- und zahlreich, dass weder Studierende noch Lehrende ihre Studiengänge in Gänze verstehen und dass die Anrechnung von Leistungen in vielen Fällen nur durch bewusste Regelmissachtung möglich ist. Die Verknüpfung von ECTS mit starren Modulstrukturen, die in Modulkatalogen und Prüfungsordnungen festgelegt werden, hat dem Studium jede Flexibilität genommen und interessengeleitetes Lernen und Forschen zugunsten vermeintlicher Vergleichbarkeit in einen ausweglosen Studienverlauf gepresst (Veranstaltungen aus Modulen können nicht für andere Module angerechnet werden, denen sie nicht zugeordnet sind, Module können nicht doppelt, Module anderer Studiengänge nur sehr begrenzt belegt werden), die Verschulung der Geisteswissenschaften schreitet unter diesen Voraussetzungen unweigerlich voran.

Wie konnte das passieren, wenn es gar keine verbindlichen Vorgaben von den Ministerien gab? In vorauseilendem Gehorsam haben die Universitäten, Studiengangsplaner und Fachbereiche in den europäischen Erklärungen nach Andeutungen für mögliche zukünftige Bestimmungen gesucht und diese in ihrem Profilierungswahn nach und nach umgesetzt. Den Ministerien kommt die entstandene Struktur entgegen, können sie doch um so leichter Leistungs- und Zielvereinbarungen für die Universitäten vorgeben und auf Landesebene relational Gelder umverteilen. Die Kritik an Bologna ist also darum so schwer, weil es einfach keine Verantwortlichen gibt (Stichwort: Standortprofilierung). Auch der Vorwurf des Neoliberalismus perlt an den Verfechtern der Reform ab, weil sie doch im Anschluss an das Kommunique von Prag (2001) und die Erklärung von Leuven (2009) bürgergesellschaftliche Zielsetzungen verfolgen. Das bedeutet, dass die bisherige Form der Kritik an Bologna die Reform stärkt. Im Umkehrschluss bedeutet es aber gleichsam, dass die Strukturen auch wieder aufgebrochen werden können.

Wir setzen uns dafür ein, dass…

  • die Strukturen flexibilisiert und die Versprechen von Bologna realisiert werden.

Die Modulkataloge sollen aufgeweicht werden. Außerdem sollen Veranstaltungen in viel größerem Umfang als bisher auch aus anderen Fachbereichen und an anderen Universitäten belegt werden können. Auch ein studium generale im Bachelor zu verankern, wäre denkbar.

  • Interdisziplinarität gesteigert wird.

In Wahlpflichtmodulen sollen vielfältiger als bisher Veranstaltungen an anderen Instituten belegen werden können.

  • das Spektrum der Prüfungsleistungen sinnvoll ergänzt wird.

Beispielsweise können Studien- und Prüfungsleistungen sinnvoll gekoppelt werden (mündliche Verteidigung von Hausarbeiten usw.) und so die Qualität der studentischen Arbeiten erhöht und die Punktejagd eigedämmt werden.

  • die Qualität der Lehre gesichert und gesteigert wird.

Wissenschaftliche Lehre und gute Lehrerausbildung schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich und dürfen nicht zu Lasten des jeweils anderen gestärkt werden. Vielmehr müssen wir einen gemeinsamen Weg beschreiten. Darum stellen wir uns gegen eine aggregierende school of education als Quasi-Fakultät und setzen uns in den akademischen Gremien für qualitativ hochwertige Lehre ein. Dazu gehört auch, die Wissenschaftlichkeit zu steigern, Theorien und Konzepte der Geschichtswissenschaft zu vermitteln, um wissenschaftliches, reflektierendes, kritisches Denken zu lehren.


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