Universität als Lebensform aneignen

Der Soziologe Prof. Dr. Hartmut Rosa über die Lage der Universität und der Studierenden und deren Bedeutung für Wissenschaft und Gesellschaft:

„Also man kann schon feststellen, dass Universitäten und Wissenschaftler im Moment selber in Hamsterräder gezwungen werden, die ihnen genau diese reflexive Distanz nicht mehr ermöglichen, weil sie permanent Drittmittelanträge schreiben müsse, selber dauernd, permanent und absichtlich in Wettbewerbszusammenhänge geschickt werden, was denen gar nicht gut tut. Also der Umbau des universitären und des Wissenschaftssystems ist wirklich darauf hinausgelaufen, zu sagen: lasst die in Dauerwettbewerb treten und dazu noch möglichst prekär sie beschäftigen. Also es gibt nur noch ganz wenige Leute an den Unis, nämlich die Vollzeitprofessoren, die entfristete Stellen haben. Und die Idee ist: dann wird Wissenschaft besser. Und das glaube ich eben überhaupt nicht.

Weil nämlich eine, ich glaube, jede Kultur, besonders jede entwickelte Kultur, braucht Orte und auch Menschen, die in Distanz zu der Kultur treten und von Außen sie versuchen, zu reflektieren, zu interpretieren und dadurch auch Innovationspotenzial oder wenigstens Anpassungsmöglichkeiten zu schaffen. Und wenn eine Gesellschaft glaubt, dass man sowas nicht mehr braucht, dass wir uns das nicht mehr leisten können in dem Wettbewerbssystem, also dann glaube ich, dass die apokalyptische Variante wirklich wahrscheinlicher wird.

Und deshalb hoffe ich, und das ist auch mein Eindruck bisher, dass so ein Ort wie das Weber-Kolleg tatsächlich funktionieren kann als ein Reflexionsort, der interdisziplinär versucht, Prozesse zu deuten, auch in langen historischen Zusammenhängen und über unterschiedliche gesellschaftliche Grenzen hinweg. Und dann glaube ich, können wir eine Rolle spielen in einem Transformationsprozess. […]

Ich würde den Zusammenhang nicht mal nur so formulieren, dass Studenten das dann weitergeben, sondern ganz im Gegenteil: die Studenten tragen das Leben auch in die universitären Einrichtungen hinnein, die häufig schon sone Form von Elfenbeinturm annehmen, ja, wo wir uns wechselseitig selber beschäftigen in Zeitschriften und wissenschaftlichen Tagungen und eigentlich keinen Sinn mehr für’s Leben haben. Und da finde ich es wirklich großartig und ich bestehe auch immer darauf Studenten herein zu holen.

Also, eine große Fehlentwicklung des Uni-Systems ist, dass gerade die Leute die für gut oder für exzellent bewertet wurden, eigentlich überhaupt nicht mehr in der Lehre tätig sind. Die sind beschäftigt mit Forschungsanträgen und Exzellensinitiativen und so ein Zeug und die lassen sich freistellen. Das wird auch immer als Versprechung politischerseits eingeführt, ja: wenn du erfolgreich bist, dann kannst du freigestellt werden von Lehre. Das halte ich für wirklich verhängnisvoll.

Weil das Leben, die Fusion von Wissenschaft und Leben, Lebenswelt findet über Studenten statt und die sind natürlich noch bei weitem nicht so verstrickt in diese Steigerungslogiken, so dass die kreativeren und innovativeren Impulse oftmals studentischerseits kommen. Und natürlich haben wir auch für Studenten das System so umgebaut, dass sie die reflexive Distanz und die nötige Zeit kaum mehr haben. Ich glaube sogar noch schlimmer ist, dass das nicht mehr passiert, dass sie sich Universität als Lebensform aneignen, anverwandeln.“

ab Min. 34:25


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